03.12.2016

Maquet-Kind startet neu durch

Aus Medikomp wird Stahl: Mittelständler setzt sich ehrgeizige Ziele

(„Rastatter Tageblatt“, Rastatt/Ötingheim) – Wie man dreht, fräst, bohrt und schweißt, hat Wolfgang Hohnhaus sozusagen mit der Muttermilch aufgesogen. Schon als 15-Jahriger half er im elterlichen Maschinenbaubetrieb mit. Seit 17 Jahren ist der promovierte Kaufmann selbst Unternehmer. Fast auf den Tag genau vor einem Jahr kaufte er zusammen mit seinem Partner Peter Jansenberger das Maquet-Tochterunternehmen Medikomp in Rastatt. Nicht nur der neue Name steht für einen Aufbruch an der Kehler Straße. Als Stahl Metall und Medizintechnik GmbH wollen die neuen Eigentümer mit ehrgeizigen Zeilen durchstarten.

Wolfgang Hohnhaus weiß, dass die Ausgangslage alles andere als komfortabel ist. Jahrelang schien Medikomp im Krisenmodus zu dümpeln. Das Tochterunternehmen des Medizingeräteherstellers Maquet, das für die Mutter die Fertigung erledigte, galt als ungeliebtes Kind. Als Maquet den Verkauf einfädelte, kam der Eigentümerwechsel nur zustande, weil die Belegschaft bereit war, eine Kröte zu schlucken: 39 statt 35 Stunden Arbeitszeit ohne Lohnausgleich. Für den geschäftsführenden Gesellschafter Hohnhauseine unverzichtbare Bedingung, um aus dem Tal herauszukommen. Schließlich habe im vergangenen Jahr bei einem Umsatz von rund 30 Millionen Euro ein Minus von 3,5 Millionen Euro in den Büchern gestanden. Jetzt heißt die Devise: „Wir können nur etwas verteilen, wenn wir etwas verdienen“, sagt der 44-jährige vierfache Familienvater.

Dazu ist aus seiner Sicht ein Kulturwandel nötig. Die Belegschaft müsste sich von Gepflogenheiten eines Konzerns verabschieden. Weniger Hierarchie, mehr Eigenverantwortung, sagt Hohnhaus. Um die frühere Medikomp auf diesem Weg in die Erfolgsspur zu bringen, hat sich der Firmenchef mit Christian Keller einen weiteren geschäftsführenden Gesellschafter an die Seite geholt. Der Manager ist in Rastatt kein Unbekannter. Er stand einst in Diensten von Maquet und war Medikomp-Geschäftsführer, arbeitete aber die letzten Jahre freiberuflich in den USA. Das Duo-übrigens mit dem ehemaligen Maquet-Chef Dr. Heribert Ballhaus als Berater im Beirat-will jetzt die Sanierung anpacken. Und die Zeichen stünden bereits gut, wie sie unisono betonen. Alle Mitarbeiter habe man übernommen; aktuell arbeiten 225 in Rastatt; weitere 20 am Standort Ötigheim, wo man die ‚Stahl Hygienic Room Solutions GmbH‘ gründete, die Hygieneräume für Krankenhäuser baut. Dass die neuen Chefs an die Zukunft in Rastatt glauben und nicht kurzfristig Profit erzielen wollen, sieht man auch dadurch belegt, dass seit September wieder Lehrlinge ausgebildet werden: Sieben in diesem Jahrgang; insgesamt soll die Quote auf zehn Prozent steigen.

Die neue Geschäftsstrategie von Stahl mag auf den ersten Blick widersprüchlich klingen. 80 Prozent der Aufträge kommen derzeit von Maquet. Und man würde gerne noch mehr Aufträge vom Nachbarn annehmen, gleichzeitig aber langfristig den Anteil anderer Kunden auf über 50 Prozent hochschrauben. Wie das? Mit dem hehren Ziel, das Wolfgang Hohnhaus und Christian Keller so formulieren: „Wir wollen der größte Edelstahl verarbeitende Betrieb in Deutschland werden.“ Ein Unternehmen, das sich für Auftragsfertigung nicht zu schade ist. Das aber als inhabergeführter Mittelständler bei einfachen bis komplexen Aufträgen mit kleiner Stückzahl durch Qualität, Zuverlässigkeit, Innovation und kurze Lieferzeit punkten will.

Die Stahl-Chefs gewinnen mehr und mehr den Eindruck, dass die gerade von Großkonzernen praktizierte Produktionsverlagerung in Niedriglohnländer an Grenzen stößt. Credo: Erst muss die Qualität stimmen; dann kommt der Preis. Als Beleg führen sie einen ihrer jüngsten Kunden an. Eine Firma lässt bei Stahl für eine halbe Million Euro Edelstahlzubehör fertigen, was der Kunde zuvor in Ungarn herstellen ließ. Man will in Rastatt aber nicht nur Komponenten bauen. Dank Zulassungen und Zertifikaten sind die Firmenchefs gewillt, eigene Produkte für Krankenhäuser auf den Markt zu bringen. Und eventuell steigt man auch in den Gastronomiebereich ein. Bei der Produktion von Großküchen könnte Hohnhaus Synergien mit weiteren Firmen aus seinem Besitz nutzen.

Um die hohen Ansprüche erfüllen zu können, will Stahl in Rastatt in den nächsten Jahren zehn Millionen Euro investieren. Die Fabrik wird Schritt für Schritt modernisiert. Gerade erst hat man für 1,2 Millionen Euro einen Rohrlaser angeschafft. Zum Investitionsprogram gehört im kommenden Jahr auch der Bau einer Halle mit eigenem Empfang sowie Zugängen für Kunden und Lieferanten. Es wäre auch äußerer Ausdruck dafür, wie sich die einstige Maquet-Tochter von ihrer Mutter emanzipiert.

Weg damit? Her damit

Man kann sich schon ein wenig verwundert die Augen reiben angesichts dessen, was sich in der Schmiede an der Kehler Straße in Rastatt anbahnt. Klein, aber fein schickt sich die ehemalige Maguet-Tochter Medikomp im neuen Gewand als ‚Stahl‘ an, den Markt der Metallbearbeitung in Deutschland aufzumischen. Zur Erinnerung. Medikomp war einst das ungeliebte „Schmuddelkind“ des zum schwedischen Konzern Getinge gehörenden Mutterunternehmens Maguet. „Weg damit!“, klang über Jahre die Botschaft an die Metallbauer. Die Zahlen glühten rot. Und jetzt? Die neuen Eigentümer verbreiten schon nach einem Jahr Aufbruchsstimmung. Ihr Motto: „Her damit!“. Und zwar mit Metallarbeiten, die Großkonzerne gerne naserümpfend ins Ausland abschieben.

Nun macht auch in der Industrie eine Schwalbe noch keinen Sommer. Aber es ist schon bemerkenswert, dass Investoren Geld in die Hand nehmen, um ein vermeintliches Auslaufmodell so aufzurichten, dass es im Hochlohnland bestehen kann- und den Eigentümern Gewinn beschert und Arbeitsplätze sichert.

Irgendetwas muss also bei einem Mittelständler anders laufen als in einem Großkonzern. Prallen da zwei Glaubenswelten aufeinander? Der Kontrast sticht derzeit gerade in Rastatt hervor. Das Rastatter Benz-Werk mustert seinen Zulieferer für Innenverkleidungen auf seinem Gelände aus und lässt die Produkte für die neue Kompaktwagen-Generation künftig aus Osteuropa anfahren. Ob die Rechnung unterm Strich aufgeht, zweifeln die Verfechter des ‚Made in Germany‘ an. Sie schwören auf hiesige Qualität, kurze Wege, pünktliche Lieferzeiten. Wer da ausschließlich auf billig in Osteuropa oder Asien setzt, könnte schnell sein blaues Wunder erleben. Egbert Mauderer

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